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Informelles Lernen - wodurch jeder Mensch sich selbst gestaltet | Print |
  | 08.02.2007 | Science - Articles
Informelles Lernen macht deutlich: Wir lernen ein ganzes Leben lang. Es ist ein Thema, das in den Bildungsdebatten international und auch in Österreich immer wichtiger wird. Prof. Dr. Werner Lenz, Vorstand des Instituts für Erziehungswissenschaft an der Universität Graz, schreibt hier über Begriffe, Geschichten, Chancen und Risken von Informellen Lernen. Lebenslanges Lernen lenkt das Augenmerk verstärkt auf die unterschiedlichen Strategien, wie sich Menschen Wissen, Fähigkeiten und Verhalten aneignen – einen beträchtlichen Anteil offensichtlich außerhalb des etablierten Bildungswesens. Selbsteinschätzungen und Befragungen ergeben einen Anteil von etwa 70%. Dieses Lernen, das eigenverantwortlich außerhalb von Institutionen und deshalb ohne Zeugnis und Zertifizierung erfolgt, gilt als informelles Lernen. Analog gebrauchte Begriffe lauten inzidentell, latent, implizit. Manche AutorInnen fassen auch das Selbststudium, das eigenständige Lernen aus Fachbüchern oder anderen Medien unter diesen Begriff. Gemeinsam ist informellen Lernaktivitäten, dass sie nicht angeleitet, organisiert, kon-trolliert oder betreut werden.

Informelles Lernen verdeutlicht: Wir lernen viel, an verschiedenen Orten, aber nur weniges davon wird bescheinigt. Was verschiedene Lebenssituationen lehren, was wir am Arbeitsplatz lernen, aus welchen Erfahrungen wir lernen, macht unsere Persönlichkeit aus – oder modern gesprochen: unser Kompetenzprofil. In einer Arbeitswelt, die immer mehr individuelle Potentiale schätzt, bekommen eben diese informellen Lernergebnisse besondere Bedeutung.

Das formale Lernen und seine offiziellen Bescheinigungen bleiben trotzdem wichtig. Dazu gehört das Lernen in Einrichtungen wie Schule, Berufsschule, Fachhochschule oder Universität. Für meine Studierenden an der Universität ist aber schon selbstverständlich: Ein Studium ist nicht genug! Sie erwerben Zusatzqualifikationen, arbeiten in Praktika für wenig oder gar kein Geld, um Erfahrungen zu sammeln, und jobben, um zu verdienen.

Unterschieden wird häufig noch das formelle Lernen. Dies entspricht dem formalen findet aber nicht im Bildungssystem statt, sondern in gemeinnützigen oder profitori-entierten Organisationen. Dazu rechnet man die Einrichtungen der Erwachsenenbil-dung, aber auch Matura- und Sprachschulen oder andere Anbieter diverser Kurse und Lehrgänge.

Jedes Lernen anerkennen
Meine Aufmerksamkeit für das informelle Lernen wurde vor etwa 15 Jahren im Rahmen europäischer Kontakte über die Entwicklung der Erwachsenenbildung geweckt. Ein EU-Projekt führte internationale ExpertInnen zusammen. Es handelte sich um APEL – Accreditation of Prior Experiential Learning. Bis heute ist die Anerken-nung von Erfahrungslernen (im Englischen im Sinne von informal learning synonym in Gebrauch) in Deutschland und Österreich im internationalen Vergleich sehr bescheiden (vgl. Frank, Gutschow, Münchhausen 2005, S. 180). Die europäische Integration befördert das Nachdenken über die Anerkennung informellen Lernens, weil die gewünschte Mobilität von Arbeitskräften die Anerkennung ihrer individuellen Kompetenzen braucht.

Der Wandel in der Arbeitswelt zu kurzfristigen, prekären Dienstverhältnissen ver-langt anstelle oder ergänzend zu einer Berufsausbildung eine ständige Beachtung der Beschäftigungsfähigkeit (employability). Dazu zählen eben auch alle Qualifikationen und Kompetenzen, die in und neben der Berufstätigkeit erworben werden.
Als weitere Gründe für den Bedeutungszuwachs, den informelles Lernen erfährt, können genannt werden:
- Es gibt keinen verbindlichen Bildungskanon mehr (vgl. Fuhrmann, 2002). Die traditionelle Betonung der literarisch geisteswissenschaftlichen Bildung, geht nicht nur gegenüber technisch-naturwissenschaftlichen Inhalten zurück. Es entstehen mit der Individualisierung der Gesellschaft individualisierte Bildungspo-tentiale. Dies drückt sich in der Entwicklung persönlicher Portfolios aus, die die jeweiligen bescheinigten und selbstorganisierten Bildungsschritte und Lernerfahrungen umfassen.
- Es besteht eine gewisse Skepsis gegenüber den positiven Leistungen des staatlichen Bildungswesens. Ideologisch fußt die Kritik noch auf dem Gedanken der „Entschulung“ (Ivan Illich). Pragmatisch zeigt es sich im Trend zur Privatschule oder im hohen Engagement von Eltern für ihre Kinder optimale Bildungswege und zusätzliche Lernerfahrungen (z.B. Auslandsaufenthalt) zu organisieren.
- Das öffentliche Bildungssystem tut sich sehr schwer rasch auf neue Bildungsbedürfnisse zu reagieren. Zum einen lernen z.B. Studierende sehr viel informell, wenn sie sich im Großbetrieb Universität durchsetzen müssen. Zum anderen bedarf es viel Selbstorganisation, um sich neues und aktuelles Wissen, das noch gar nicht in den etablierten Institutionen gelehrt wird, anzueignen. Dabei spielen gedruckte und elektronische Medien ebenso eine große Rolle wie das Lernen am Arbeitsplatz oder durch Tagungen, Kongresse und Reisen. Gerade die Erwachsenenbildung kann durch Reorganisation ihres Angebots, nämlich durch das Schaffen von Lerngelegenheiten und Lernräumen, die selbstorganisiertes Lernen ermöglichen, diesen Bedarf beantworten.

Wir lernen immer
1. Die Beschäftigung mit informellem Lernen, lässt erkennen, dass sich Menschen immer in Lernprozessen befinden. Aus Sicht der Lehrenden, stellt sich die Frage, wie besonders bei Erwachsenen vorausgegangene Lernerfahrungen aufgegriffen und respektiert werden können.
2. Informelles Lernen ist stark an die Fähigkeit der Selbstorganisation gebunden. Weniger lernerfahrene Menschen und solche mit kurzen Bildungskarrieren brau-chen gezielte ideelle und materielle Unterstützung sollen nicht im Zeitalter des Lebenslangen Lernens Ungleichheiten verstärkt werden.
3. Die Achtung und Beachtung informeller Lernerfahrungen hilft Erwachsenen ihr eigenes Potential zu erkennen und durch eine sogenannte „Kompetenzenbilanz“ auch anerkennen zu lassen. Durch letztere besteht natürlich auch die Gefahr des „gläsernen Menschen“, der in den Stärken und Schwächen seiner Leistungsfähig-keit für andere erkennbar wird.

Autor: Prof. Dr. Werner Lenz, Vorstand des Instituts für Erziehungswissenschaft, Karl-Franzens-Universität Graz, Österreich
 
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Topics/Keywords: Science => Theories
Informelles Lernen; Lebenslanges Lernen
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